Sonntag 14.März 2010 | 11:22
Sports / B.A.S.E. Jumping

Von Simon Schreyer am 27.01.2010

Karina Hollekim, ehemalige B.A.S.E.-Jump-Queen aus Norwegen, über Bergdohlen, Boxhandschuhe und ihr Leben nach dem Absturz.


25 Knochenbrüche und 19 Operationen. Karina Hollekim (33), Protagonistin der preisgekrönten  Dokumentation „20 Seconds of Joy", war nach einem schweren Unfall 2006 quasi Invalide. Mit unglaublicher Ausdauer schaffte sie den Weg zurück: Heute ist sie wieder fit, fährt Ski und philosophiert über die wahren Werte im Leben.

Einer der zentralen Sätze, die du über dich gesagt hast, ist folgender: „Jahre lang wollte ich etwas besonderes sein, und plötzlich ist alles was ich will, ein normales Leben."
Ja, seltsam, das ist die Ironie dabei. Wir alle wollen speziell sein. Und plötzlich widerfährt dir etwas im Leben, dass diesen Anspruch komplett umdreht - das ist die Geschichte meines Lebens.

Der österreichische Philosoph Franz Schuh sagte unlängst: „Dort, wo der Held ist, ist der Tod nicht fern." Bist du damit einverstanden?
Menschen, die wir als Helden betrachten, tricksen den Tod aus, sie sind Überlebende. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel und begeben sich in die Nähe des Abgrundes. B.A.S.E.-Jumper springen sogar in ihn hinein. Er hat also recht, leider.

Würdest du zustimmen, dass ein Wesen, dass sich auf der Höhe seiner physischen Stärke befindet, selten auf der Höhe seiner Weisheit ist?
Nein, würde ich nicht. Gerade in den Sportarten, von denen ich herkomme, kannst du deine Stärken nur dann ausspielen, wenn du deinen Grips beieinander hast. Du musst deine Grenzen erkennen können, sonst nützt dir all deine Stärke nichts.

Bist du, trotz deines Unfalls, in der B.A.S.E.-Jumping-Szene noch immer auf dem Laufenden?
Ich habe natürlich noch immer regen Kontakt mit den Jungs und Mädels. Sie erzählen mir stets über aktuelle Projekte und gelungene Jumps. Täten sie das nicht, würde ich mich ausgeschlossen fühlen - sie betrachten mich noch immer als Teil der Szene, weil ich noch zu 100% weiß, wie sich das Fliegen anfühlt und welche Glücksgefühle es in mir weckte. Solche Erfahrungen vergisst man nicht und auch nicht die Leute, mit denen man sie geteilt hat. Beides wird immer Teil von mir sein, das kann mir niemand mehr nehmen.

Welche B.A.S.E.-Jumper beeindrucken dich am meisten?
Espen Fadnes und J.T. Holmes. Sie haben den Sport in eine neue Dimension gehoben. Es ist atemberaubend, ihnen zuzusehen. Natürlich tut es weh, dass ich nicht mehr mit ihnen unterwegs sein kann, andererseits: Ich lebe noch, das ist doch schon was, oder?

Man sagt, der Teufel sitzt im Detail: Ist die Möglichkeit, dass irgendwo im Equipment eine schadhafte Schnur, Öse oder Schraube versteckt sein könnte, nicht beunruhigend?
So darf man gar nicht zu denken beginnen, denn es würde einen in den Wahnsinn treiben. Für einen Sport wie B.A.S.E.-Jumpen, Skydiving oder Freeskiing brauchst du ein Mindestmaß an Vertrauen in deine Ausrüstung, genau wie beim Autofahren. Wenn du dauernd überlegen müsstest, ob deine Bremsen auch ja in Ordnung sind, würdest du wohl nie von A nach B kommen.

Hast du jemandem versprechen müssen, nie wieder mit dem Skydiven anzufangen?
Skydiven: nein; B.A.S.E.-Jumpen: ja, da gab's schon einige Anfragen. Ich kann aber nichts versprechen, dass ich womöglich nicht halten kann. Zudem musst du bei diesem Sport deinem Körper zu 100% vertrauen können. Da ich das von meinem Körper zurzeit nicht behaupten kann, ist dieses Versprechen ohnedies obsolet. Ich muss aber auch zugeben, dass meine Sehnsucht nach dem freien Fall doch etwas abgeklungen ist.

Fällt es dir leicht, Hilfe anzunehmen?
Hilfe anzunehmen geht mittlerweile, notgedrungen, aber um Hilfe zu bitten, das geht gar nicht, konnte ich auch noch nie. Ich fühle mich viel besser, wenn ich anderen helfen kann. Während meiner Rehabilitation traf ich eine invalide Frau, die mir ihr Herz ausschüttete. Alles was ich ihr geben konnte, war meine Aufmerksamkeit und eine lange Umarmung. Es war das erste Mal seit meinem Unfall, dass ich für jemand anderen da sein konnte und es war ein wichtiges Erlebnis für uns beide. Also, ich arbeite dran.

Haben dir in den vergangenen dreieinhalb Jahren Depressionen zu schaffen gemacht?
Vier Monate nach meinem Therapiebeginn nahm ich an einem Gruppentreffen mit anderen invaliden Leuten teil. Ich dachte nur: „Was soll ich denn hier? Ich werde bald wieder auf den Beinen sein und dann bin ich draußen!" Das Thema des Gruppengespräches war jedoch, wie man mit seiner Behinderung zu leben lernt - das wollte ich nicht wahrhaben. Ich war verzweifelt, ich wog nur mehr 47kg statt meiner gewohnten 67, ich wollte nichts wie weg von dort. Eine ganze Woche lang heulte ich durch und war von allen Kräften verlassen.

Wie bist du mit der Situation umgegangen?
Mein Coach zog eines Tages den Vorhang meines Krankenbettes zur Seite, legte mir ein Paar Boxhandschuhe auf den Bauch und sagte: „Du hast drei Minuten!" So begann ich, meine Verzweiflung in Zorn umzuwandeln und am Sandsack abzubauen. Mein Vater wurde in dieser Zeit auch sehr wichtig für mich: Er empfahl mir, nicht dauernd zu denken, was ich nun nicht mehr tun könne, sondern mich drauf zu konzentrieren, wozu ich nach und nach wieder in der Lage bin. Zum Beispiel, mir selber die Socken anzuziehen. Dazu brauchte ich sechs Monate. Ich bekam so viel Unterstützung und Zuneigung von meinen Freunden aus aller Welt, ich konnte mich einfach nicht hängen lassen. Ich wollte sie nicht enttäuschen.

Du sagtest einmal, du würdest dich alleine unwohl fühlen, stimmt das?
Ja, und ich habe auch noch immer Angst im Dunkeln. So etwas vergeht nicht, nur weil man einen Fallschirm-Absturz überlebt hat. (lacht)

Hast du schon mal Meditation probiert?
Nein, mein Geist ist dazu, sagen wir: zu lebhaft. Ich muss immer etwas MACHEN. Habe ich mal zu Hause nichts zu tun, drehe ich Musik mit guten Texten, z.B. Jack Johnson oder die Foo Fighters, laut auf. Das wirkt wie eine Isolationsschicht zwischen mir und meinen Gedanken.

Fällt es dir leicht, vor großem Publikum zu sprechen?
Den allerersten Vortrag über meinen Unfall und meine Genesung hielt ich vor 1.500 Leuten. Ich hatte mehr Angst als vor einem B.A.S.E.-Jump. Doch sobald ich begonnen hatte, die Story meines Unfalles zu erzählen, kam eine große Ruhe über mich und ich spürte die gebündelte Aufmerksamkeit der Menschen. Es war allen klar, dass es sich nicht um eine Performance, sondern um das wirkliche Leben handelte. Am Schluss bekam ich Standing Ovations und war komplett mit Emotionen aufgeladen. Seither habe ich viele Vorträge, vornehmlich über Motivation, gehalten und bin draufgekommen, dass ich mir der Akt des Erzählens erlaubt, mich von meinem Trauma zu distanzieren.

Wie hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren dein Blickwinkel auf die menschliche Natur geändert?
Ich bin eine andere Person als die Frau, die am Genfer See vom Himmel fiel. Ich könnte natürlich sagen, dass wir alle Gesundheit und das Leben an sich als selbstverständlich hinnehmen, aber das wäre im Alltag ein zu abstrakter Anspruch: Jeder Mensch muss die Wandlungen und Perspektivwechsel, die das Leben mit sich bringt selbst erleben, um dessen Wert zu erkennen.

Was hast du über dich selbst gelernt?
Was ich über mich selber gelernt habe, ist, dass ich auf eine andere Art zufriedener bin als vor dem Crash; mehr in mir ruhend und nicht so voll ungeduldiger Erwartung. Ich habe auch gelernt, mit Rückschlägen besser umzugehen; und noch was: Die Eindrücke des Lebens prasseln nicht mehr so auf mich ein wie davor und ich kann mir mehr Zeit lassen, einzelne, besondere Augenblicke zu genießen. Mein Leben ist nicht mehr so überwältigend, das ist der Bonus.

Wie entspannt Karina Hollekim zu Hause am besten?
Kerzen sind wichtig, besonders im langen, dunklen Norwegischen Winter. Was ich sehr beruhigend finde, ist Regen. Dann liege ich unter den großen schrägen Dachfenstern meines Appartments und höre dem sanften Trommeln der Regentropfen zu, die in langen Spuren am Glas herabwandern. Ich fühle mich dann sehr geborgen, wie in einem Zelt beim Camping. Ich trinke auch gern das eine oder andere Glas Rotwein mit Freunden und bin ein ganz normales Party-Girl.

In welchen Farben ist deine Wohnung gehalten?
Weiß und beige - mellow und minimalistisch.

Kochst du gern selber?
Ja, ich mag Gerichte, die schnell zubereitet sind und lecker schmecken. Zum Beispiel Lachs mit Ingwer-Honig-Pesto und Wok-Gemüse.

Samt oder Seide?
Seide.

Rot oder rosa?
Rosa.

Wen findest du so faszinierend, dass du ihr oder ihm dauernd zusehen könntest?
Es gibt zwar Tage, an denen ich gar niemanden sehen möchte, aber dennoch: mein Freund.

Wer ist dein liebster Cartoon-Charakter?
Hobbes, der Tiger. Er ergänzt sich so wunderbar mit dem kleinen Jungen Calvin. Beide verbindet eine sehr verspielte Weltsicht.

Kennst du Grete Eliassen, die amerikanisch-norwegische Freeski-Fahrerin?
Ja, sie ist eine imponierende Sportlerin und eine superstarke Persönlichkeit. Sie macht einen echt guten Job.

Und Aksel Lund-Svindal?
Ich bin ihm schon ein paar Mal begegnet. Er ist sehr geerdet und ruhig, also ganz anders als ich. Er hat ein geheimnisvolles Lächeln, gar nicht angeberisch, ein bisschen schüchtern fast. Ich finde sein Auftreten sehr sympathisch.

Wenn du mit Flügeln wiedergeboren würdest, welches Tier wärst du am liebsten?
Eine Bergdohle. Ich liebe es, wie sie über einer Felskante ganz ruhig im Gegenwind stehen und sich mit den Luftströmungen spielen. Es heißt, sie seien verstorbene Freunde, die zurückkommen um zu spielen und uns Lebende zu grüßen. Und sie sehen dabei sehr sorglos und glücklich aus.

www.karinahollekim.com




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