
Der Morgen hat sich mit ein paar Wolken geschmückt hier in Saquarema, der Surferstadt zwei Stunden nördlich von Rio de Janeiro. Nicht weit vom Ufer preschen ein Dutzend Surfer, Fotografen und Kameraleute nervös auf ihren Jet-Skis im Wasser auf und ab. Seit einer Woche beobachten sie die Wellen an diesem Strand, überprüfen die Wettervorhersagen und die Surf-Sites, die mit Daten spezieller Messbojen gefüttert werden. Es sollen Wellen von sechs Meter Höhe und mehr zu erwarten sein.
Als die Dünung ihren Höhepunkt erreicht und auf ein Riff kracht, schnappt sich der Erste der Gruppe sein Board und lässt sich ins Wasser fallen. Obwohl der Anzug dick gepolstert ist, lassen die langen braunen Haare und die Rundungen keinen anderen Schluss zu: Unter all die tätowierten Surfer hat sich ein Mädchen geschwindelt. Ihr Name ist Maya Gabeira, und sie ist drauf und dran, das Bild von Big-Wave-Surfen ein für allemal zu ändern.
Maya
umklammert die Schleppleine, während ihr Partner, der brasilianische
Big-Wave-Surfer Carlos Burle, sie mit dem
Jet-Ski auf die erste Welle des Tages zieht. Hinter ihr baut sich die
Welle auf, eine riesige Wasserwand, Gabreira saust mit 50 km/h dahin, breit
steht sie auf dem Board, federt unsichtbare Schläge aus. Mit vollem Tempo
geht's weiter, der Brecher erreicht seinen Höchststand. Schaumkronen kippen
hinter Maya zusammen, sie kurvt mit dem Board in sicheres Wasser, lässt sich
fallen. Burle zieht sie zu sich auf den Jet-Ski, und wieder geht's hinaus, um
die nächste Welle zu fangen.
Auch wenn Mayas bronzefarbene Haut und die von der Sonne gebleichten Haare typisch sind für die Mädchen, die einem in diesem Teil der Welt ständig über den Weg laufen: Die muskulösen Schultern und die vielen Narben und blauen Flecken erzählen eine andere Geschichte, als es ihre Stimme könnte, tief und mit einem schläfrigen Unterton, jedes Wort lang gedehnt, so wie man an einem heißen Nachmittag in Rio einen Longdrink sorgfältig in ein hohes Glas gießt.
Hinter der Fassade steckt eine junge Frau, getrieben von einem Rausch, den nur wenige erleben dürfen, die ihrem Körper nichts schenkt und entschlossen einen totalen Macho-Club betritt - alles nur der großen Wellen wegen. „Ich dachte, es wäre cool, ein Mädchen zu haben, das das auch kann", sagt Maya. „Es ist ein eindrucksvoller Sport, man muss sich ihm ausliefern, und ich dachte, wenn ich je ein Mädchen sehe, das so etwas macht, wäre ich wahnsinnig beeindruckt - im Moment kann ich mir nicht einmal vorstellen, dass ich dieses Mädchen bin."
Big-Wave-Surfen kennt man seit den späten 1950er-Jahren. Damals paddelte eine Handvoll Surfer in die sechs, sieben Meter hohen Wogen, Swells genannt, am geheimnisvollen Nordstrand von Oahu in Hawaii. Legenden wie Greg Noll ebneten den Weg für die bekanntesten Athleten dieser Disziplin, von Ken Bradshaw bis Laird Hamilton. Riesenwellen-Spots wie Maverick's in Kalifornien, Teahupoo auf Tahiti oder Dungeons Reef in Südafrika sind der Surfergemeinde ebenso heilig wie Nou Camp, San Siro oder Old Trafford den Fußballfans.
Präzisere
Wettervorhersagen und die Einführung des Tow-in (dabei werden jene
Riesenwellen, die zu schnell sind, um sie anzupaddeln, mit Hilfe eines bis zu
80 km/h schnellen Jet-Ski samt Zugleine ausgetrickst) erschließen neue
Surfplätze. Trotzdem bleibt die Gruppe der Big-Wave-Surfer klein, schon aus
körperlichen Gründen. Als Big-Wave-Surfer musst du vor allem mit den brutalen Stürzen fertig werden, den
Wipeouts, die Board und Knochen brechen und den Surfer mit ihrem Sog für
Minuten unter Wasser zwingen. In den letzten Jahrzehnten hätten Frauen immer
wieder versucht, sich unter den Männern zu behaupten, aber Maya sei die erste,
die sich ernsthaft engagiert, so Bill Sharp. Er betreut den von Billabong
gesponserten XXL Big Wave Awards, bei denen
Maya in den letzten drei Jahren zu den Gewinnern zählte. „Maya war bei Maverick's,
auf Tahiti ... Ich glaube, sie ist die
Einzige, die Swells jagt."
Mayas Aufstieg ist noch beeindruckender, wenn man bedenkt, dass sie erst seit acht Jahren surft. Als Tochter einer bekannten Modeschöpferin und eines in Brasilien hochangesehenen Kongressabgeordneten genoss Maya eine privilegierte Kindheit. Als sich die Eltern scheiden ließen - da war sie elf -, geriet Mayas Leben aus den Fugen: aufsässig in der Schule, Zigaretten, Alkohol. Das endete erst, als ein Freund sie mit vierzehn zum Surfen mitnahm. Talent war Maya keines. Sie brauchte einen Monat, um sich im seichten Weißwasser auf dem Brett zu halten. Aber sie hatte Feuer gefangen. Als Austauschschülerin in Australien, an der Goldküste, surfte sie ein Jahr lang täglich. Zurück in Rio, zog sie in ein kleines Hotel am Strand. Aus dem eigensinnigen kleinen Mädchen, das sich für Mode und Nachtleben begeistert hatte, war ein wellenjagender Wildfang geworden, der mit den Burschen in der Brandung surfte. Gleich nach dem Schulabschluss zog sie nach Hawaii, allein. Da war sie siebzehn.
Dort
wurde sie gleich einmal enttäuscht: „Ich war zum Surfen gekommen, aber es sah
nicht so aus, als würde ich den Sprung zum Profi schaffen. Ich durfte bei
keinem Event starten, hatte keine Sponsoren." Maya jobbte als Kellnerin, las
den Gästen aus der Speisekarte vor und warf daneben begehrliche Blicke auf die
Riesenwellen, die am Strand von Waimea Bay ans Ufer rollten.
Dieser Platz am Nordstrand von Oahu hat mit seinen bis zu zwanzig Meter hohen Brechern Kultstatus bei den Big-Wave-Surfern. Die Einheimischen bewachen dieses Revier eifersüchtig. Störenfriede werden aufgefordert zu verschwinden, und wer nicht gehorcht, büßt das mit zerstörten Boards. Ein Haifischbecken, zu dem nur geprüfte Surfer Zutritt erhalten. Und natürlich dominiert von Männern.
Aber da war Maya. Sie paddelte auf einem geborgten Board hinaus in die Wellen, auch an den schlimmsten Tagen, wenn es in Strömen auf die giftig-weißen, stockhaushohen Wellen regnete. Maya schaute zu, wie Einheimische wie Andrew Marr die Riesen ritten. Sie schaute zu, wie die Wellen ausrollten, verbiss sich ihre Angst. Sie gewöhnte sich an den tosenden Lärm und die urwüchsige Kraft der Swells. Stundenlang blieb sie auf dem Wasser, bis es finster war oder ihre Schicht als Kellnerin begann.
Im Februar 2006, zwei Jahre nach ihrer Übersiedlung, paddelte Maya hinaus aufs stürmische Meer und fing ihre ersten großen Wellen, vier 14-Meter-Dinger. Die Einheimischen schauten zu, und bald darauf sahen sie und auch alle anderen Big-Wave-Surfer in Maya nicht mehr den obskuren Zaungast, sondern akzeptierten die junge Brasilianerin als ihresgleichen. Burle nahm sich Gabeiras an und lehrte sie die Tricks des Tow-in-Surfens. „Etliche meiner Kumpels sagten zu mir: ‚Was machst du da? Du bringst das Mädel ja um!‘", erinnert sich Burle. „Ich aber sagte: ‚Sie will es, und wenn ich es ihr nicht beibringe, macht's ein anderer. Und das Wichtigste: Sie ist bereit dafür. Sie trainiert - und das mehr als ihr und ich.‘"
Später im selben Jahr surfte Gabeira Todos Santos, ein
Riff vor der Küste Mexikos, und die furchterregenden
Kaltwasserbrecher von Maverick's, die 1994 den Big-Wave-Virtuosen Mark Foo das
Leben gekostet hatten; kaum eine Frau hatte sie je gesurft. Ein Foto von Maya auf
diesen zehn, zwölf Meter hohen Wellen brachte ihr den ersten von
bislang drei XXL Big Wave Awards für die beste weibliche Gesamtleistung. Mayas
unmöglicher Traum, fürs Surfen bezahlt zu werden, wurde wahr. Doch die Stimmung
war beim Teufel: Surferinnen der Pro Tour kritisierten, was denn eine
Anfängerin auf den großen Wellen zu suchen habe. Männer, die jahrzehntelang die
großen Wellen anonym gesurft waren, ganz ohne Sponsorgeld und Schlagzeilen,
waren eifersüchtig auf Gabeiras wachsenden Ruhm. Sie wurde von den großen
Wellen vertrieben und musste öffentliche Sticheleien von Surfern ertragen, die
für sie Vorbilder waren. Maya sei zu jung, Maya habe zu wenig Erfahrung, Maya
sollte nicht da sein ... immer und immer wieder. „Es ist eine
Männerwelt, und sobald du darin auftauchst, musst du sie
so nehmen, wie es kommt", sagt Gabeira. „Manchmal ist das nicht
besonders lustig."
Eine permanente Herausforderung für Maya war stets: Wie bringe ich meinen Körper dazu, diesen ständigen Missbrauch durch die Riesenwellen auszuhalten? Einmal ist ihr Burles Jet-Ski auf den Kopf gefallen. Letztes Jahr hat sie sich die Nase gebrochen, an zwölf Stellen!, als das Board in einer Welle auf sie losging. Ihr Asthma, das sie seit der Kindheit quält, lässt sie regelmäßig nach Luft schnappen, wenn sie von einem Wipeout wieder an die Oberfläche kommt. Um in Form zu bleiben, braucht es eine strenge Diät, dazu Paddeltraining am Morgen, Training mit dem Zugseil und am Abend Workouts mit ihrem Trainer, auch während ihrer „Urlaubswochen" in Brasilien.
Gabeiras Ruhm reicht langsam hinaus über Brasilien, wo sie kürzlich in einer Sonntags-Show des TV-Senders Globo auftrat, vor achtzig Millionen Zuschauern, und sie erreicht längst nicht mehr nur Surfer. Gute Aussichten, doch andererseits strapaziös für eine 22-Jährige, die noch immer zwischen zwei Leben schwankt: dem einen, als sie mit geliehenem Geld und geborgten Kleidern von einem Surfspot zum nächsten reiste, und jenem, das die Führungsrolle im weiblichen Big Wave Surfing für sie vorgesehen hat. „Die eine Maya will unauffällig bleiben", sagt Gabeira. „Aber es gibt auch eine andere Maya, die will den großen Erfolg, will sich und anderen beweisen, dass das in diesem Sport möglich ist."
Im Moment ist die wilde Maya zufrieden damit, auf der Terrasse des Maasai Hotels herumzufläzen. Das Maasai ist das vornehmste der heruntergekommenen Surfhotels in der Stadt, und Maya nippt an ihrem Kaffee und lässt den Rest des Frühstücks nahezu unberührt. Von weitem hört man das Kreischen von Jet-Ski-Motoren: Burle und der Rest der Gruppe kommen zurück. Bald stehen fünf dieser Gefährte am Ufer, und Maya marschiert zum Strand. Ihr linker Fuß ist noch blutrot zerkratzt vom letzten Sturz gegen ein Riff. Aber Maya packt mit an, als die Gruppe beginnt, die Jet-Skis auf die Anhänger zu verladen. Ihre Haare hat sie unter einer Kappe versteckt, sie lacht und scherzt ... Sie ist eine von den Männern.